Bericht: 36. Club FORUM Konferenz in Tjumen


Vorwort & Dank

Nach den beiden vorangegangenen Konferenzen in den jeweiligen Hauptstädten unserer beiden Länder im 20. Jahr des Bestehens des Deutsch-Russischen Forums im Jahre 2013 führte uns die 36. ClubForum Konferenz wieder in die russische Region. Unser Ziel vom 21. – 25. Mai 2014 waren die Städte Tjumen und Tobolsk in Westsibirien.

Tjumen wird zwar auch, aber nicht nur mit Öl und Gas in Verbindung gebracht. Dies hat auch unsere Konferenz geprägt, die dankenswerter Weise von Gerrit Schmitter und Bulat Khamidov organisiert wurde. Die zahlreichen Programmpunkte werden nachfolgend mit Text und Bild vorgestellt. An dieser Stelle herauszuheben ist der 1. Tjumener Science Slam, der natürlich nicht ganz zufällig während unser Konferenz stattfand. Mit einem Ausflug nach Tobolsk wurde ein Bogen in die Geschichte geschlagen – Stichwort erster russischer Kreml in Sibirien und Rasputin, aber hier befindet sich auch eine der modernsten Chemieanlagen Russlands.

Wir möchten uns an dieser Stelle ausdrücklich bei der Regierung des Tjumener Gebietes für die Gastfreundschaft und die Unterstützung bei der Vorbereitung und Durchführung der Konferenz bedanken.

Desweiteren gilt unser Dank der Deutschen Bank, die auch dieses Jahr die Nachwuchsaktivitäten des Deutsch-Russischen Forums und unserer Alumnivereinigung unterstützt.


 

 Programm

Programm


 

Erster Tag

Der Großteil der Konferenzteilnehmer traf in den frühen Morgenstunden in Tjumen ein – etwas übernächtigt, aber doch gespannt auf die nächsten, sicherlich ereignisreichen Tage.

Aus Rücksicht auf die frühe Anreise begann der erste Tag der 36. Club-Konferenz in Tjumen mit einem verspäteten gemeinsamen Frühstück und einer kurzen Vorstellungsrunde.

 

Die wirtschaftliche Entwicklung Tjumens

Auf dem Weg zur ersten Unternehmensbesichtigung wurden wir von einer Vertreterin der Abteilung für Investitionspolitik und staatliche Unterstützung der Unternehmen der Region Tjumen begleitet, die uns über die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung des Oblast informierte. Viele der in der Region Tjumen angesiedelten Unternehmen sind im Öl- und Gassektor konzentriert. Die Region hatte in den letzten Jahren eine der höchsten Wachstumsraten der russischen Industrieproduktion. Im Jahr 2013 lag der Index für Industrie bei 116,8 und somit weit über dem Gesamtindex Russlands (100,4). Mit einem Investitionsvolumen von 270 Mrd. Rubel gilt das Jahr 2013 als bisheriger Höhepunkt der industriellen Entwicklung. Die positive Tendenz setzt sich fort und so wurden seit Ende 2013 bereits 13 neue Industrieanlagen angesiedelt. Dazu zählen die Polypropylen-Anlage “Tobolsk Polymer”, die Eisenhütte “UMMC Steel”, das Sperrholzwerk Tjumen und der Ölkabel-Hersteller “Baker Hughes”. Bis Ende 2014 sind Eröffnungen von weiteren namhaften internationalen Unternehmen geplant, unter anderem vom Wärmedämmstoff-Produzenten “Knauf Isolation” und dem Beschichtungsspezialisten “Schattdecor”.

 

Bentec Drilling & Oilfield System

Bei unserer ersten Besichtigung wurden wir vom Generaldirektor der Firma “Bentec Drilling & Oilfield System” freundlich empfangen. Bentec ging im Jahr 2009 in Betrieb und produziert seit 2011 entsprechend den deutschen Qualitätskriterien Bohrtürme und Metallkonstruktionen für den Aufbau von Bohrtürmen für den russischen Markt. Die Niederlassung in Tjumen bietet ebenfalls Service- und Reparaturdienstleistungen
an. Aktuell hat das Werk in Tjumen ca. 90 Mitarbeiter. Die gesamte Investitionssumme beläuft sich auf 770 Mio. Rubel.

 

Baker Hughes

Im Anschluss stand die zweite Unternehmensbesichtigung an diesem Tage bei Baker Hughes auf dem Programm. Baker Hughes ist einer der größten internationalen Kabelhersteller für die Ölindustrie und ist seit 2013 in Russland tätig. Die Produktionsstätte in Tjumen ist nach dem neusten Stand der Technik errichtet worden und produziert seit Januar 2014 ESP-Kabel für den russischen und kaukasischen Markt. Mit einem Investitionsvolumen von 2 Mrd. Rubel und der Schaffung von 200 Arbeitsplätzen zählt Baker Hughes zu den größten Investoren in der Region.

 

Tischgespräche

Anschließend ging es weiter zu einem gemeinsamen Mittagessen mit dem Vize-Gouverneur des Oblast Tjumen, Herrn Wadim Michailowitsch Schuschkow. Von den Teilnehmern der Club-Konferenz wurde die Gelegenheit genutzt, um das Deutsch-Russische Forum und den Club vorzustellen, sowie sich zu Themen wie der Entwicklung des Mittelstandes, dem Einfluss der Öl- und Gassindustrie und den Weiterentwicklungsmöglichkeiten der Region Tjumen auszutauschen. Selbstverständlich wurde der Vize-Gouverneur herzlich zum bevorstehenden ersten „Science-Slam“ in Tjumen eingeladen.

 

Die Stadt Tjumen – ein Spaziergang

Für den Nachmittag war bei strahlend schönem Wetter eine Stadtführung mit dem Bus durch Tjumen geplant. Tjumen ist die Hauptstadt des gleichnamigen russischen Oblast in Westsibirien. Sie liegt am Fluss Tura sowie an der Strecke der transsibiritranssibirischen Eisenbahn und hat mehr als eine halbe Million Einwohner. Tjumen zählt zu einer der ältesten Ansiedlungen in Sibirien und war schon sehr früh eine Zwischenstation auf dem Handelsweg nach China. Wir machten Halt an verschiedenen Plätzen, unter anderem der Brücke der Verliebten und dem Männerkloster der Dreifaltigkeit. Abschließend erklärte uns der Stadtführer, dass laut einer aktuellen Umfrage in Russland die glücklichsten Menschen Russlands in Tjumen leben – na wenn das nicht ein Grund ist, nach Thumen zu kommen.

Ausklang fand der erste ereignisreiche Tag bei einem gemeinsamen Abendessen und gemütlichen Beisammensein.


 

 Zweiter Tag

Holding Ribni Tekhnopark

Nach dem Frühstück im Hotel ging es mit unserem Bus zur Holding Ribni Tekhnopark, etwa eine Autostunde vom Stadtzentrum entfernt. Die Fahrt führte durch eine kleine Kolonie mit neuen, verklinkerten Häuschen und endete auf der Baustelle der zukünftigen Fischzucht- und -verarbeitungsfabrik.

Wir wurden von … “ich bin einfach Ruslan”, dem Investor und Bauherrn, begrüßt. Er stammt aus Georgien, ist gelernter Bauingenieur, befasst sich aber zudem seit über 20 Jahren mit Fischzucht und hat sogar einen Universitätsabschluss darin. Er betreibt bereits drei andere Fischfabriken. Seine eigentliche Liebe gilt aber der Gebäudekonstruktion, so gehört zu der Fischfabrik auch die von uns schon bewunderte kleine Siedlung.

Auch in Russland wird immer mehr verstanden, dass Fisch gesund ist, vor allem Weißfisch, und so gibt es für solche Anlagen gute Wachstumsaussichten. Die Fabrik umfasst ca. 17 ha. Neben der Aufzuchtstation für Jungfische und verschiedenen Teichen, in denen Zander und Felchen heranwachsen werden, ist das Kernstück des Komplexes die Fischverarbeitung, die nicht nur den vor Ort gezüchteten, sondern auch angelieferten Fisch, wie zum Beispiel Lachs, verarbeiten wird. Auf dem Gelände wird zukünftig auch das Lebendfutter (Mücken) für die Jungfische gezüchtet.

Unsere erste Frage, was denn mit den Außenteichen im sibirischen Winter passiert, war einfach zu beantworten: alles ist beheizt, die Produktion kann das ganze Jahr über laufen. Zudem ist die Zucht in Teichen einfacher als in freier Wildbahn oder z. B. Flüssen.

Als erster Verarbeitungsschritt werden Fisch und Haut getrennt, die Haut wird dann vor Ort zu Fischleder weiterverarbeitet. Fischleder ist leicht und robust, aber dennoch nach wie vor eine Nische im Ledermarkt.

In der anschließenden Fischverarbeitung selbst sollen später über 300 verschiedene Fischrezepturen hergestellt werden. 50.000 Tonnen Fisch werden es pro Jahr sein, die mariniert, gebeizt, in Dosen gefüllt, heißund kaltgeräuchert über verschiedenen Holzsorten und auf diverse andere Arten verarbeitet werden. Umweltbelastungen sollen minimiert werden: der Transport aller Fische außerhalb und im Gebäude erfolgt in geschlossenen Containern, die Luft aus den Räucher-Öfen wird gefiltert und das gesamte Gebäude ist stets auf 15-16 Grad gekühlt.

Die Verarbeitung erfolgt teils von Hand, teils von Maschinen – hier haben wir auch deutsche Produkte entdeckt. Die Prozesstechnik stammt aus St. Petersburg und ist eine Eigenentwicklung. Dass die Maschinen schon in der Fabrik stehen, aber noch nicht arbeiten, kam einigen von uns wie “totes Kapital” vor. Allerdings gab Ruslan zu bedenken, dass durch die zwischenzeitliche Abwertung des Rubels die in Euro bezahlten Maschinen heute deutlich teurer wären.

Das Investitionsvolumen der gesamten Anlage beträgt ca. 1 Mrd. RUB (ca. 40 Mio EUR). Es werden 200 Mitarbeiter auf dem Gelände arbeiten.

Abnehmer sind ca. 2.000 Kunden im In- und Ausland, u. a. Restaurants und Supermärkte, in geringerem Maße auch der Großhandel.

In einem nahegelegenen Restaurant konnten wir uns von der Qualität der Produkte überzeugen. Ruslan hatte reichlich Kostproben aus einer der anderen Fertigungsstätten aufgetischt. Der gebeizte Lachs und die geräucherten Felchen waren köstlich, und so ging es danach gestärkt zu unserem nächsten Programmpunkt.

 

Runder Tisch in der Universität

Zu Beginn unseres Besuchs in der Staatlichen Tyumensker Universität statteten wir dem Universitätsmuseum einen kurzen Besuch ab. Die 85 Jahre alte Universität ist mit 13 Instituten über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Mit Mathematik, Biologie, Physik und Chemie, Mathematik und Geologie, einer Medizinischen Fakultät, Ökonomischen Fächern, Jurisprudenz, Geschichte, Psychologie sowie Kunst, Musik und Sport wird ein breites Spektrum wissenschaftlicher Ausbildung und Forschung abgedeckt. Es studieren ca. 40.000 Studenten in Tyumen.

A9R7C89Nach der Führung durch das Museum begrüßte uns der Rektor der Universität, Valerij Nikolaewitsch Falkov, und geleitete uns zum großen Besprechungssaal der Universität. Die Anwesenheit zahlreicher Studenten und Lehrpersonal der Universität ließ auf großes Interesse an den zu besprechenden Themen hoffen. Dazu fiel auf: eine perfekte Organisation mit Namensschildern, Tischmikrofonen, Getränken – auch lokale Presse und Fernsehen waren anwesend. Wir fühlten uns sehr willkommen.

Der Runde Tisch unter dem Titel „Tjumen – Deutschland: Effektiver Dialog“ war als Austausch in Form von Kurzvorträgen aus verschiedenen Blickwinkeln und anschließender Diskussion vorgesehen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Vadim Filippov vom Soziologischen Institut und Prof. Dr. Sergey V. Kondratieff, Direktor des Instituts für Geschichte und Politikwissenschaften sowie Georg Schneider vom Club-FORUM.

Torsten Erdmann stellte den Zuhörern den Club FORUM vor und Sibylle Groß gab einen Überblick über die Aktivitäten des Deutsch-
Russischen Forums. Es folgte eine Vorstellungsrunde der deutschen Teilnehmer – auch über die russischen Teilnehmer hätte man gern etwas mehr gewusst, zu einer Vorstellung kam es hier leider nicht.

In der anschließenden Kurzpräsentation zu „Weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, verflochtene Volkswirtschaften, internationale Finanzmärkte“ zeigte Torsten Erdmann auf, wie stark Russland mit der EU wirtschaftlich verbunden ist. Die Haupteinfuhrgüter nach Russland sind Autos und Maschinen/Ausrüstung, gefolgt von chemischen Produkten und Lebensmitteln. Die Ausfuhr aus Russland besteht zu einem ganz überwiegenden Teil aus Energie/Gas gefolgt von Metallen, chemischen Produkten, Ausrüstung und Lebensmitteln. Insgesamt bezieht die EU dabei 22% ihres Gasbedarfs aus Russland. Aber auch Russland hat einiges zu bieten: neben Konzernen wie Gazprom gibt es auch in Russland sogenannte Hidden Champions, die mit führender Technologie zum Beispiel aus dem IT-Bereich aufwarten können. Nicht zuletzt ist mit der Sberbank auch größte Bank Osteuropas in Russland ansässig.

Im Folgenden stellte Olga Romanets als Spezialistin für Direktinvestitionen der Regierung der Tyumensker Region das Gebiet und die Investitionsbedingungen vor. Mit einer Fläche von über 160.000 km2 und über 1,4 Mio. Einwohnern liegt der Tjumensker Oblast im Rating des Ministeriums für Regionalentwicklung 2013 auf dem vordersten Platz. In ihren Ausführungen wies Frau Romanets auch auf diverse Industrie- und Investitionsprojekte hin, die wir während unseres Aufenthaltes zum Teil zu sehen bekamen.

A9R7C8BJörg Rathmann betonte in seinem Statement zum Thema „Bilaterale Wirtschaftsbeziehungen, Handel“, dass die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen sich über mehr als das letzte Jahrzehnt überaus dynamisch entwickelt hätten. Vielfach lagen die jährlichen Wachstumsraten beim gegenseitigen Warenaustauch im zweistelligen Bereich. Dieser positive Trend sei seit dem vergangenen Jahr abgebrochen und scheine sich in dramatischer Weise umgekehrt zu haben. Diese Trendwendung solle Anlass zum Nachdenken sein. Russland sollte seine Anstrengungen zur Modernisierung und Umstrukturierung der einheimischen Wirtschaft sowie der Stärkung des Mittelstandes fortsetzen und verstärken, um eine Verlängerung der Wertschöpfungsketten sowie eine Diversifizierung der Wirtschafts- und in der Folge auch Handelsstruktur zu erreichen. Nur so kann der laut Jörg zugespitzt formulierte Status quo gebrochen werden: „Ihr liebt unsere Autos. Wir lieben Euer Gas.“

Florian Roloff wies in seinem Beitrag zu „Rechtlichen Rahmenbedingungen“ darauf hin, dass in Bezug auf die formale Gesetzeslage Russland über eine moderne Gesetzgebung verfügt, sowohl in Bezug auf Strafrecht als auch im Zivilrecht. Gleichwohl besteht in Russland die Sorge, dass die Anwendung der Gesetze einerseits durch Korruption oder andererseits staatliche Einflussnahme beeinträchtigt sein kann.

Evgeniya Sayko betonte in ihrem Statement die Notwendigkeit gegenseitiger Wertschätzung und Anerkennung, und dass die gemeinsamen zivilisatorischen Wurzeln schon aus der Antike – wie Demokratie, die christliche Kultur und Zivilisation – die EU und Russland mehr einten als teilten.

Auf Basis der Statements ergab sich eine angeregte, durchaus freundschaftliche und konstruktive Diskussion. Viele der zu Beginn anwesenden Studenten hatten jedoch den Saal verlassen– ggf. war das anfängliche Interesse bei vielen durch die Diskussion doch nicht erhalten geblieben – die verbliebenen Gesprächsteilnehmer sprachen hingegen umso engagierter.

Mit einem Gefühl, sich näher gekommen zu sein, und voneinander gelernt zu haben – ohne zwingend Lösungen für die zahlreichen Themen gefunden zu haben – fand der „Runde Tisch“ gegen 17:00 h ein Ende.

 

Science Slam

Am Abend des zweiten Tages hatten wir die Gelegenheit, den ersten Science Slam in Tjumen zu besuchen, der von den Club-Mitgliedern Evgenija Sayko und Gregor Büning, beide Mitglieder des Club FORUM, mitorganisiert wurde.
A9R7C8DWas ist ein Science Slam? Kurz gesagt, ein auf einer Bühne ausgetragener Wettbewerb unter Wissenschaftlern. Jeder Teilnehmer hat 10 Minuten Zeit, dem Publikum das wissenschaftliche Problem, an dem er arbeitet, allgemein vorzustellen. Es gewinnt der Teilnehmer, der seinen Vortrag am verständlichsten und interessantesten gestaltet – dabei kommen Präsentationen, kleine wissenschaftliche Experimente, anschauliche Vergleiche und insbesondere viel Humor zum Einsatz. Über den Gewinner entscheidet das Publikum – mit frenetischem Applaus. Ein Slam findet natürlich nicht in einem Präsentationsraum statt, sondern in einem Club, und es herrscht eine Atmosphäre wie bei einem Rockkonzert.

Im mit 300 Gästen brechend vollen Club „Artek“ trat zunächst (außer Konkurrenz und quasi als Vorgruppe) der erfahrene Slammer Anton Jarkin auf die Bühne. In seinem Vortrag „Warum knirscht der Frost?“ berichtete er vom Problem des Betriebs von Baumaschinen in sibirischer Kälte und stellte als Lösung verschiedene Isolations- und Wärmespeichermöglichkeiten vor – quasi Schal und Wärmflasche für die empfindlichen Hydraulikzylinder und Motoren.

Danach zeigte uns Sergeij Dryabin von der Medizinischen Akademie TyumMGA unter dem Titel „Lass Dein Gehirn nicht austrocknen!“ ein Medikament, welches nach Schlaganfällen die Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff verbessert. So wird das Absterben (das „Austrocknen“) der betroffenen Gehirnareale bis zur notwendigen Operation verhindert und ein möglicher Folgeschaden reduziert.

Als nächster präsentierte Pavel Belokon von der TyumGASU (Architektur und Bauuniversität) eine faszinierende Idee: Warum nicht in einem Zug in 40 Minuten von jeder Großstadt der Welt zur anderen fahren? Der Weg zur Untertunnelung der Erde und Nutzung der Schwerkraft zum Antrieb einer Magnetschwebebahn stieß zwar auf Stirnrunzeln in Bezug auf die Realisierbarkeit, wurde aber mit so viel Charme und Enthusiasmus vorgetragen, dass das Publikum doch mitgerissen wurde.

Jetzt wurde es praxisnäher: Stepan Shpakov von der Gas- und Öluniversität TyumGNGU erläuterte, warum bis heute das energiereiche Ölgas, welches bei der Ölförderung als Nebenprodukt aus dem Bohrloch kommt, oft bloß abgefackelt wird: nur wenn der Gasdruck stetig kontrolliert werden kann, hat das Gas die erforderlichen Eigenschaften zur wirtschaftlichen Nutzung. Seine Lösung des Einbaus von einer Art variablem Schraubdeckel auf die Gasleitung zur konstanten Druckoptimierung ist bereits in der Umsetzung. Ob Stepans tiefer Schluck aus der Flasche mit Leichtöl nicht doch nur Coca Cola war, blieb offen.

Maxim Zoriyev von der TyumGU zeigte uns darauf im „Phänomen nicht anerkannter Staaten“, welche Formen politisch nicht anerkannter Staaten es gibt, und nutzte das anschauliche Beispiel einer Schulklasse mit verschiedenen außergewöhnlichen Schülern: der eine ist längs dem Schulalter entwachsen, der andere hat stets seine Mutter an der Seite, und der dritte möchte gern in Ausland fahren, hat aber keinen Reisepass. Ein hochinteressanter Vortrag mit aktuellem Bezug.

Nun kamen wir wieder zu einem Ölthema: Alexeij Davidov von der TyumGNGU möchte Pipelineexplosionen verhindern. Ein wichtiger Aspekt hierbei ist die regelmäßige Reinigung der Pipelinerohre, um Korrosion zu vermeiden. Mit konventionellen Methoden des Abschleifens der A9R7C8FRohre ist dies aufwendig und teuer. Die von Alexeij vorgestellte Möglichkeit der Nutzung von hochfesten Kunstfasern – wie sie auch für kugelsichere Westen verwendet werden – spart Zeit und Geld. Seine Vorführung des Entfernens einer Wurstpelle mit Zahnseide wird uns in Erinnerung bleiben.

Zuletzt sahen wir ein wirklich sibirisches Problem: wohin mit all den Schneemassen im Winter? Der klassische Weg, große Schneehalden im Stadtgebiet anzuhäufen, ist nicht nur unschön – zumal die Halden bis tief in den Frühsommer nicht wegtauen – sondern bringt aufgrund der Verschmutzung des Schnees auch Umweltprobleme mit sich. Dmitrij Polyakov von der TyumGNGU schlug kleine beheizte Abtaustationen vor, in denen der Schnee schmilzt, und das Wasser danach gefiltert wieder in die Umwelt gelangt.

Beim abschließenden Publikumsvoting gewann Stepan Shpakov und schwang als Champion stolz seine neuen Boxhandschuhe. Gewonnen hatten aber letztlich alle durch einen Abend voller interessanter Erkenntnisse. Danach öffnete der Club den weniger Wissenschafts- als Tanzinteressierten seine Türen und es wurde noch eine lange Nacht.


 

Dritter Tag

Ausflug zum Geburtsort Rasputins

Am dritten Tag stand die Weiterreise nach Tobolsk an. Auf dem Weg dorthin besuchten wir den kleinen Ort Pokrowskoje, den Geburtsort Rasputins. Das Museumsgebäude (ehemaliges Wohnhaus der Rasputins) wurde von der Museumsleiterin Marina Smirnowa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gekauft und wird seitdem in privater Hand geführt. Originalgegenstände aus dem Leben Grigori Rasputins, Mobiliar, Spiegel und Dokumente sowie ein Auszug aus dem Taufregister Rasputins können im Museum angeschaut werden.

A9R7C91Grigori Jefimowitsch Rasputin wurde am 10. Januar 1869, einen Tag nach seiner Geburt in Pokrowskoje getauft. Mit bereits 17 Jahren brach der junge Rasputin zu Pilgerreisen auf. Eine der längsten Pilgerreisen führte ihm zum Berg Athos in Griechenland! Rasputin war verheiratet und hatte drei Kinder Dimitrij (1895) Maria (1897) und Warwara (1900). Fotos der Familie können im Museum in Pokrowskoje angesehen werden.

Marina Smirnowa beschäftigt sich neben dem Museum auch wissenschaftlich mit dem Leben Rasputins, sie ist Lehrstuhlinhaberin an der Tobolsker Universität und erzählt uns in eindrucksvoller Weise, wie Rasputin über den Beichtvater des Zaren, Johann von Kronstadt, Einfluss am Zarenhof in St. Petersburg erlangte. Durch den Unfall des Zarensohns Alexei, im Jahr 1907, bei dem nur der herbeigeholte Wunderheiler Rasputin die Bluterkrankheit des Thronfolgers stoppen konnte, erlangte Rasputin das Vertrauen der Zarin Alexandra. Über mehrere Jahre begleitet Rasputin die Zarenfamilie spirituell und privat. Sein umstrittener Lebensstil führte immer wieder zu Konflikten mit der Zarenfamilie, vor allem mit Zar Nikolaus II. Am 17. Dezember 1916 wurde Rasputin unter Führung von engen Verwandten des Zaren Nikolaus II. ermordet. Die Täter wurden nie von einem Gericht für die Tat verurteilt.

Das kleine Museum zieht vor allem am Wochenende Besucher aus der Region an. Aber auch Boney M., der ehemalige Gouverneur und heutige Moskauer Bürgermeister Sergei Sobjanin und Anatoli Tschubais waren bereits Besucher des Museums.

 

Das Chemiewerk in Tobolsk

Aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart – bereits von weitem sichtbar die Anlagen des Chemiewerkes in Tobolsk. Direkt neben diesem entstand Tobolsk Polimer, eines der modernsten Anlagen dieser Art weltweit und die noerdlichste! Die Temperaturschwankungen von minus 30 Grad im Winter und plus 30 im Sommer stellten eine besondere Herausforderung dar. Die Anlage stellt vorrangig Polypropylen her und ist ein gutes Beispiel, wie Russland versucht, die Verarbeitungstiefe seiner Rohstoffe zu erweitern. Betreiber der Anlage ist das Unternehmen Sibur, einer der wichtigsten Lieferanten von Ausruestungen war das deutsche Unternehmen Linde KCA. Generaldirektor Kim gab uns einen Überblick über das Unternehmen, und dass auch noch am Tag des Chemiearbeiters!

 

Fabrik für Knochenschnitzarbeiten

Am Nachmittag stand ein Besuch in der Fabrik für Knochenschnitzarbeiten auf dem Programm. Tobolsk nimmt bei diesem Handwerk eine führende Stellung in Russland ein.

Schnitzmeister Achtijam Taschbulatow führte uns durch die Fabrik und vermittelte uns anhand der vielfältigen Exponate einen Überblick über die Entwicklung des Knochenschnitzhandwerkes in der Tobolsker Region.

 

Runder Tisch im Kulturzentrum

In Tobolsk selbst waren wir anschließend zu einem runden Tisch mit Vertretern und Mitgliedern des Deutschen Kulturzentrums eingeladen. Bei diesem Austausch wurden uns die zahlreichen Aktivitäten des Kulturzentrums vorgestellt. Dass im tiefsten Sibirien die deutsche Kultur auf solch facettenreiche Art und Weise gelebt wird, war für alle Teilnehmer eine große Überraschung. Bei dieser Gelegenheit wurden die Fördermöglichkeiten von bilateralen Projekten durch das Deutsch- Russische Forum vorgestellt und der Kontakt zu den Moskauer Kollegen des DRF hergestellt.

 

Sehenswürdigkeiten von Tobolsk

Nach der Führung durch den Tobolsker Kreml fuhren wir in die 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernte Hotelanlage Abalak, die sehr malerisch auf einer Anhöhe am Irtysch und neben dem Snamenskij-Männerkloster Abalak gelegen ist. Das Besondere an der Hotelanlage ist, dass sie einem alten aus Holzhäuschen bestehenden sibirischen Dorf aus dem 16. Jahrhundert nachempfunden ist und somit selbst als Sehenswürdigkeit betrachtet werden kann.

In dem rustikalen Restaurant fand die Mitgliederversammlung statt, welche sich mit der Auswertung der Konferenz, den aktuellen Ereignissen rund um die Ukraine und Fragen der Arbeit des Clubs beschäftigte. Zur Verbesserung dieser wurde unter Leitung von Gerrit Schmitter eine AG Professionalisierung ins Leben gerufen, die sich die Aufgabe stellte, Möglichkeiten einer besseren Aussendarstellung und einer Intensivierung des Clublebens herauszuarbeiten. Die Diskussion rund um die Ukraine hat gezeigt: innerhalb des Clubs existiert ein sehr umfaengliches Know how und das Bedürfnis, sich auszutauschen, gleichzeitig ist aber der Yahoo E-mail Verteiler mit einer solchen “E-mail Ketten Diskussion” überlastet. Die Mitgliederversammlung bestätigte noch einmal die “Bonner Erklärung” einiger Mitglieder wenige Tage vor der Konferenz, die eindringlich bei aller verständlichen Emotionalität bezüglich der aktuellen Ereignisse zu einem fairen Umgang miteinander und Achtung vor der Meinung des Anderen aufrief. Ein weiteres Thema war die Vertretung des Clubs in Gremien des Deutsch-Russischen Forums sowie die Planung gemeinsamer Veranstaltungen mit diesem. Desweiteren beschloss die Mitgliederversammlung, dass die nächste ClubForum Konferenz vom 19. – 23. November 2014 in München stattfinden wird.


 

Vierter Tag

Snamenskij-Männerkloster Abalak

Am nächsten Morgen besuchten wir das Snamenskij- Männerkloster Abalak. Die Gründung geht auf eine Gotteserscheinung zurück. Ein Mönch führte uns durch das Kloster, erzählte vom Alltag der Klosterbrüder und Legenden, die sich in dieser Gegend zugetragen haben. Gestärkt mit einer Kascha aus der Trapeznaja des Klosters ging es aufgrund der mehrstündigen Rückfahrt dann zurück zum Flughafen Tjumen. Am Flughafen empfang uns zur Verabschiedung und zu einem letzten Feedback- Gespräch der Vizegouverneur des Oblast, Herr Schuschkow – eine wie wir fanden sehr nette Gest und Wertschätzung unserer Delegation.
Die Protokollanten: Florian Blöchl, Rolf Büchsenschütz, Torsten Erdmann, Veronika Kofler, Anna-Lena Nikel, Gerald Schuster

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